Zurück zur Übersicht

Allzu menschliches aus Digitalien von Angi Egli.

Ein Computer ist auch nur ein Mensch

Meine Enkel versuchen, mir diesen Unsinn auszureden. Dein Computer macht nur was du ihm befiehlst, werde ich belehrt. Das mag für ihre Geräte stimmen, aber mein PC legt sich quer. Er ist eben was Besonderes!

Beispiel:

Eine halbe Nacht lang hatte ich mit grossem Eifer mit der Maus gezeichnet und gemalt und gedruckt. Eitel Wonne. Plötzlich aber war "Aus und Amen". Nach Klick auf Hilfe + Support meines Bildbearbeitungsprogramms wurde der Monitor rabenschwarz, und ein Text wies mich darauf hin, dass ein Fehler passiert sei, ein schwerer Fehler sogar. Ich müsse die berühmten drei Tasten plus eine beliebige vierte Taste drücken, um den Streikenden wieder in Gang zu bringen. Der Streik eskalierte, der Monitor wurde noch schwärzer, weil ohne Schrift, und der Pfeil, das einzige weisse Zeichen in dieser Finsternis, liess sich nicht mehr von der Stelle rühren. Da half alles Klicken und Drücken und Schimpfen nichts. So liess ich denn das widerspenstige Ding eine ganze Weile vor sich hinbrummen, um sich zu erholen, aber natürlich geschah rein gar nichts.

In meiner Hilflosigkeit versuchte ich ihn wieder einmal mit dem Griff zum Schalter an der Rechnerrückseite abzustellen. Auch dies ohne Erfolg. Kurzentschlossen zog ich den Netzstecker heraus. Nun würde ich wohl nach dem Wochenende einen PC-Doktor herbemühen müssen. Ich überlegte, mit welcher Lüge ich den Atemstillstand meines Arbeitskollegen erklären könnte. Sogar ein Greenhorn wie ich weiss nämlich, dass man niemals so herunterfahren darf. Unter keinen Umständen!

So kam mein neuer Freund unerwartet zu einem arbeitsfreien Wochenende.

Am Montagmorgen gab ich ihm endlich wieder Gas, allerdings mit mulmigem Gefühl. O Wunder: er arbeitete wieder als wäre nichts geschehen. Alle Programme waren noch da, alle Ordner, alle Bilder. Ist das etwa nicht menschliches Verhalten? Ich behaupte nun, dass ihm die ganze Schinderei – in Nachtschicht und ohne Pause - gehörig zugesetzt hatte so dass er nur durch strikte Arbeitsverweigerung gesunden konnte.

Meinen Enkeln kann ich diese Geschichte nicht erzählen. Sie würden hartnäckig an ihrer Meinung festhalten, die Oma habe mit ihren Gichtfingern eine falsche Taste erwischt. Da sie wohlerzogene junge Menschen sind, würden sie sich mir gegenüber nicht so unverblümt äussern. Aber ich weiss auch vielsagende Blicke zu deuten.

Software mit Spitzensportlermacken

Habt Ihr schon mal einem Leichtathleten zugeschaut, der zum Hochsprung bereit ist?

Er setzt die Ferse des durchgestreckten linken Beins nach vorn, winkelt das rechte Knie leicht an, wiegt den Oberkörper nach hinten – und vor – und zurück – und vor. Je nach Temperament nochmals und wieder. Irgendwann einmal stellt er beide Füsse nebeneinander, zieht ein Knie nach oben – und ab – und auf – und ab, usw wie oben beschrieben. Bei der nächsten Vorbereitung zieht er auch einen Arm nach oben und simuliert auf diese Weise das Sich-am-eigenen-Arm-in-die-Höhe-Ziehen. Darauf folgen am Ort kurze kleine Rennbewegungen. Jetzt endlich kanns losgehen. Zuerst in Zeitlupe und dann immer schneller werdend rennt er in einem Bogen Richtung Hochsprunglatte. Bei halber Distanz stoppt er, kehrt zurück und startet erneut. Der nächste Anlauf wird schon etwas länger. Beim dritten Versuch bricht er die Übung erst kurz vor der Latte ab und trollt sich zu seinem pingelig markierten Startplatz zurück.

Endlich klappt alles. Es ist wunderschön anzusehen, wie er – Hand voraus – seinen schlaksigen, überlangen Körper sozusagen in der Luft liegend über die Latte zieht, darauf bedacht, diese nicht mit seinen Waden zu streifen und zu Fall zu bringen.

Genau so zögerlich – Leute – arbeitet mein ScanDisc-Programm. Ich wiederhole mich: ein Computer ist auch nur ein Mensch.


 

© 2001-2004 silizid.de